Europe and Central Asia

Die Natur schläft nicht: Covid-19 darf den European Green Deal nicht ausbremsen

Von Ariel Brunner, Leiter EU-Politik, BirdLife Europa & Zentral-Asien. Übersetzung von Verena Bax, Referentin für EU-Energie- und Klimapolitik, NABU. Hier auch auf Englisch und Französisch.

Die Corona-Krise verursacht eine Reihe von Emotionen in uns. Sie reichen von Angst bis zu Panik, Wut und sogar Verwirrung. Scheinbar aus dem Nichts ist COVID19 in das Bewusstsein der Menschen auf dem gesamten unseres Planetengetreten und scheint uns, wie es Tragödien oft tun, mehr zu vereinen als zu trennen.

Um mit der Krise fertig zu werden und dem Ganzen einen Sinn zu geben, treten viele von uns , einen Schritt zurück und nehmen sich Zeit zum Nachdenken. Nicht, um das sich viel zu schnell entfaltende Drama zu schmälern, sondern um zu versuchen, das rationale Selbst wieder zu finden.  

Auch wenn ich um meine geliebte Lombardei trauere und mich um meine Familie und Freunde sorge, mein Beruf und meine Persönlichkeit zwingen mich dazu  die Wissenschaft und eine kohärente Politikentwicklung zu nutzen, um eine Antwort zu finden, die einen Weg nach vorn und Hoffnung bietet.

Die meisten unserer Regierungen und politischen Führer reagieren oft zu langsam. Aber mit den notwendigen und sehr schwierigen Entscheidungen einer Ausgangssperre und Quarantäne, sowie mit logistischen und finanziellen Mitteln. Diese Entscheidung war richtig.

Gleichzeitig, muss ich die gelbe Fahne der Vorsicht hissen. Der gemeinsame Feind im Moment entfernt nicht die konventionell eher rückwärtsgewandten Streitkräfte vom Schlachtfeld. Lasst uns nicht naiv den Profiteuren von Kriegen gegenübertreten.

Wir sollten nicht riskieren, den Notstand der biologischen Vielfalt abzutun

Um das Los der Menschheit auf der Erde zu verbessern, konzentriere ich mich auf den Versuch die Verwüstungen, die wir an ihr angerichtet haben zu mindern. Beispielhaft und existenziell ist die Zwillingskrise von Klima und Biodiversitätsverlust zu nennen. Die Europäische Union und ihre Europäische Kommission sowie die Regierungen auf der ganzen Welt sind wegen dieser Krise aufgewacht. Gerade als die Pandemie zuschlug, standen sie an der Schwelle zu den bedeutenden Schritten, die notwendig sind, um die Tollkühnheit unseres Verhaltens umzukehren.

Der europäischer Grüner Deal wurde von Kommissionspräsident von der Leyen und den Kommissaren Timmermans und Sinkevičius als vorrangig eingestuft. Dies ist beispiellos und für unser zukünftiges Überleben unerlässlich. Und natürlich haben sich die Kräfte in der Gesellschaft, die vom „Business as usual“ profitieren bereits zusammengeschlossen. Egal ob es sich dabei um die industrielle Landwirtschaft, die Industrie für fossile Brennstoffe oder die Fischereiflotten der Konzerne handelt - sie alle verfolgen ihre egoistischen Profitabsichten und handeln gegen die planetaren Grenzen des Planeten und gegen die Nachhaltigkeit . Diese Kräfte sind bereit jene Elemente des Grüne Deal zu untergraben, schwächen oder zu sabotieren, die ihre persönlichen Geldbeutel bedrohen.

Das Ziel im Auge behalten - Profitgeier verschwenden nie eine gute Krise

Während sie sich zu dem kollektiven Ziel zur Eindämmung der Klimakrise bekannten, haben sie sich unermüdlich dafür eingesetzt, dass der Grüne Deal am Ende nur eine grüne Fassade für ein „Business as usual“ ist. Und jetzt, inmitten der sich versammelnden sanitären Tragödie, erheben sie ihre Stimme und fordern, den Grünen Deal fallen zu lassen, "um sich auf die wirkliche Krise zu konzentrieren". Sienutzen die Krise, um sowohl zusätzliche Subventionen als auch einen Freifahrtsschein von Umweltschutzmaßnahmen zu fordern.

Die beträchtliche Nothilfe für die Gesellschaft müssen wir den Schwachen unter uns, den Kleinunternehmern, den Stundenlöhnern, den Kleinbauern und Fischern, den Wohnungslosen und Kranken zukommen lassen. Sie darf nicht den  mächtigen Konzerninteressen, die sich am Tiefpunkt der Krise nähren einverleibt werden Wenn wir die direkte Hilfe durch eine parallele finanzielle Unterstützung der großen Unternehmen ergänzen wollen, die ebenfalls von Codiv-19 in geschwächt werden, dann muss die Unterstützung der Unternehmen höchst transparent erfolgen und an Kriterien geknüpft sein, die Mitarbeiter,  Kunden und die Fairness privilegieren, und nicht nur zum Erhalt von Aktienwerten und Gewinnen beitragen.  Ebenso wichtig ist, dass diese finanzielle Unterstützung den Unternehmen hilft in eine bessere Zukunft zu steuern, und sie nicht weiter an den Fehlern der Vergangenheit festhalten

Die Hilfe, die wir als Steuerzahler der Wirtschaft zukommen lassen, muss im mit den Prinzipien und Werten des immer noch unverzichtbaren Grünen Deal einhergehen. Nachhaltigkeit, Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, Wiederherstellung und Erhaltung unserer Ökosysteme - dies sind die dauerhaften Säulen unseres Überlebens. Sie müssen im Kampf gegen die Pandemie gestärkt werden  - wir können und müssen beides gleichzeitig tun. Diese Pandemie wird vorübergehen, aber unsere planetaren ökologischen Probleme werden auch danach fortbestehen. Nur ein integriertes und kohärentes Paket von Lösungen wird sowohl wirtschaftlich als auch moralisch sinnvoll sein.

Natur und Mensch verdienen Besseres

Covid-19 ist nicht aus einem Vakuum heraus entstanden. Es ist kein Zufall, dass der voraussichtliche Ursprung dieser Pandemie der Wildtierhandel ist, der so viele Arten an den Rand des Abgrunds drängt. Seien es nun Pandemien oder das Klima oder das Aussterben, sie sind weitestgehend vorhersehbar. Denn die Natur reagiert auf Angriffe des Menschens, seines unersättlichen Appetits und seiner egoistischen Instinkte. Auch wenn wir unsere Verluste betrauern, es sollten kluge Entscheidungen daraus folgen. Lasst es uns besser machen, denn wir können es besser machen. Wir müssen es besser machen.